Gymnastik/Turnen

Eine wahre Geschichte aus der TVD Gymnastikabteilung:

 

Wie das Turnermädchen Sieglinde Werner in den 50iger Jahren zum Vereinsdiener gewählt wurde:

"Es war die Nachkriegszeit, die Menschen sehnten sich nach Normalität. Es war daher richtig, dass alsbald der Turnbetrieb in der vom Krieg
einigermaßen verschont gebliebenen Turnhalle wieder aufgenommen wurde. Da nur der Turnverein in jener Zeit Kinder in seinen Reihen aufnahm,
war es nur logisch, dass wir Kinder dort Mitglied wurden.

Die materielle Not war groß. Verglichen mit den heutigen Turnhallen war unsere damalige Übungsstätte eine dunkle, dreckige Räumlichkeit.
Im Eingangsbereich der Turnhalle, damals in der Karlstraße, war unter der Empore auf der einen Seite die Garderobe und auf der anderen Seite
der Schankraum untergebracht. Diese beiden Räume waren geräumt worden und dienten zwei Flüchtlingsfamilien als Wohnung. In der Halle selbst standen
für den Turnbetrieb ein Männerbarren, ein Pferd, ein Reck und diverse Matten zur Verfügung.An die Matten erinnere ich mich noch gut:
Die Außenhaut bestand aus grobem Stoff, die Farbe war militärgrün, die Füllung aus Seegras, das an manchen Stellen heraushing. Ein Medizinball,
ein keinesfalls rundes, sondern unförmiges Etwas, gehörte auch noch zur Ausstattung.

Geturnt wurde barfuß, Turnschuhe gab´s vor der Währungsreform, zumindest für uns Kinder, noch nicht. Die Mütter zuhause hatten nach dem
Turnstundenbesuch ihre "helle Freude", denn wir kamen, wegen des geölten Bodens mit kohlschwarzen Füßen heim.

Bei den Turnstunden selbst gings´s sehr diszipliniert zu, alle Kinder standen in der Reihe und warteten auf ihren Einsatz. Laut wurde es dann
erst bei gemeinsamen Spielen.

Die Sindelfinger Turner hatten keine Übungsräumlichkeiten und kamen deshalb zum Training nach Darmsheim.

Höhepunkt im damaligen Vereinsleben waren jedes Jahr die Weihnachtsfeiern. Auch der Liederkranz und der Musikverein hielten ihre Weihnachts-
feiern in der Turnhalle ab. Im Turnverein zeigten die Kinder und Aktiven gymnastische und turnerische Übungen und meist noch eine Pyramide,
bevor dann ein wochenlang einstudiertes Theaterstück zur Aufführung kam.Die Halle war stets bis auf den letzten Platz gefüllt, es gab ja noch
kein Fernsehen. Kino gab´s nur in der Stadt und somit bildeten diese Feiern eine willkommene Unterhaltung in unserem Dorfleben.

Obwohl wir keine optimalen Übunsmöglichkeiten hatten, beteiligte sich der Verein bald an den Gauturnfesten und Gaukindertreffen. Zu den Wett-
kämpfen fuhren wir mit einem Lastwagen und hatten dabei mindestens genaus so viel Spaß wie die heutige Turnerjugend. Wenn ich zurückdenke,
glaube ich, dass ich auch damals nichts vermisst habe.

Als ich fast 13 Jahre alt war, wurde mir erstmalig eine Aufgabe im Turnverein übertragen. Mein Vater sagte mir am Tag nach einer Ausschusssitzung:
"Wir haben dich gestern Abend zum Vereinsdiener bestimmt." In dem Protokoll der Generalversammlung vom 22.Februar 1953 wurde dieser Vorgang
mit den Worten protokolliert: "Vereinsdienerin wurde mit großer Mehrheit und ohne Bedenken die Tochter des im Wirtschaftsbeirat tätigen Wilhelm
Widmaier, Sieglinde gewählt. Es bleibt nur zu hoffen, dass einem willigen Mädchen, auch von Seiten der Mitglieder, einiges Entgegenkommen gezollt wird."

Meine künftige Aufgabe bestand darin, die Vereinsbeiträge bei den Mitgliedern vierteljährlich zu kassieren, mit einer Marke zu quittieren und an-
schließend mit dem Vereinskassierer abzurechnen.Jedes Mitglied besaß eine Karte mit vier Quartalsabschnitten, in welche die erworbene Marke im Werte
von 90 Pfennigen geklebt werden musste.

Bei dieser Arbeit konnte man so manches erleben und verschiedenartige Menschen kennenlernen. Die meisten haben bereitwillig den Beitrag bezahlt,
und manches Mal bekam ich noch einen Apfel oder ein Bonbon geschenkt. Es gab aber auch Familien bei denen ich mehrmals vorstellig wurde, weil ich den
Beitrag nur kassieren konnte, wenn der Mann zuhause war. Manche Mutter sagte betreffs ihres erwachsenen Sohnes: "Do kommsch besser, wenn der selber
do isch. Wenn i dir des Geld jetzt geb, kriag i des sicher nemme." Besuche im Hause Höschele wurden einige Male zur kleinen Geschichtsstunde. Ich
erinnere mich noch dass Herr Höschele einmal beim Verabschieden fragte: "Weißt du noch, wann der 70er Krieg war?" Ein andermal diskutierten wir
über die Bedeutung und die Herkunft des Wortes "Quartal". Diese Besuche waren auf jeden Fall immer lehrreich.

Nach Beendigung der Schulzeit habe ich die Kleinsten des Kinderturnens übernommen (heute schon aus rechtlicher Sicht nicht mehr möglich) und
alsbald auch an den Ausschusssitzungen teilgenommen. Diese Sitzungen wurden in der Regel im Nebenraum der Gaststätten "Adler" oder "Hirsch"
abgehalten.
Der Verein war in den 50er Jahren noch nicht nach Abteilungen aufgegliedert, so dass auch Themen, die heute in den Abteilungsausschüssen abge-
handelt werden, im Hauptausschuss zur Sprache kamen.
Entsprechend lang waren die Sitzungen, und einige Male kam meine Mutter zu vorgerückter Stunde und holte mich nach Hause. Sie war in Sorge, dass
ich am nächsten Morgen nicht ausgeschlafen zur Arbeit gehen könnte, denn ich war ja noch ein minderjähriger Lehrling.

Sindelfinger Turnerinnen leisteten in diesen Jahren bei den Darmsheimern Aufbauhilfe. Sie haben mit uns trainiert und uns mit den Mitte der
50er Jahre geforderten Übungen vertraut gemacht.
Das Barrenturnen änderte sich, bei den Mädchen wurde nun ein Holm höher gestellt, der Stufenbarren war geboren, mit den heutigen Geräten natürlich
nicht  vergleichbar, und den Schwebebalken kannten wir überhaupt noch nicht.
Viele dieser damaligen Turnmädchen bildeten später die Frauengymnastikgruppe, und einige von ihnen sind bis heute noch aktiv."